Gastrokritik: Die Kelter in der Zeitschrift "Essen und Trinken"
Ausgabe Juni 2007

Beim Italo Schwaben
NOTZINGEN - Die Kelter
Dass die Schwaben "alles können außer Hochdeutsch", durften wir schon aus der Werbung für Baden-Württemberg erfahren. Doch was die Schwaben wirklich können, das ist das Tüfteln. Oliver Sagrati, Sohn einer Schwäbin und eines Italieners, kann das aus dem Effeff. Er betreibt die Kelter am Dorfplatz in Notzingen, nördlich von Kirchheim unter Teck. Sein Motto in der großzügig gestalteten Gaststube lautet zwar "Mediterran genießen", trotzdem offenbart er seine schwäbischen Wurzeln zum Beispiel mit Gerichten wie einem großartig gelungenen klassischen Rostbraten. Sagrati, der mit Thorsten Gössel einem ehrgeizigen Jungkoch aus der Traube-Tonbach-Köcheschmiede des Harald Wolfahrt zur Seite hat, ist, wie gesagt, ein ambitionierter Tüftler. Die Thunfisch-Variation mit Vitello-Creme besticht durch Vielseitigkeit und Optik und ist geschmacklich top, während das Schollenfilet in Krabbenbuttersauce dem ersten visuellen Eindruck in der Konsistenz leider nicht ganz standhalten kann. Immerhin: Karottenwalnussflan als Beilage bekommt man nicht alle Tage. Und was die Schwaben, ihres Teichens "Sößle"-Sympathisanten, freut, ist, dass hier wie auch beim auf den Punkt begratenen Rinderfilet Extratunke in Sausieren auf die blanken Holztische gestellt wird. Ein Essen in dem denkmalgeschützten Gebäude aus dem Jahr 1700 ist so beliebt, dass man unbedingt reservieren sollte. Sonst verpasst man zum Beispiel so ein aufregendes Dessert wie die gebratene Mango mit Kakaospätzle in Rotweinsauce, das zeigt, was Italo-Schwaben so alles können.
(Essen und Trinken, Juni 2007, Anja Wasserbach)